Roadtrip ohne Masterplan

Ein junger Mann, minimales Budget und ein zwanzig Jahre alter PEUGEOT 106. Die Hauptzutaten für eine der aufregendsten Roadtrip-Storys der vergangenen Jahre.

Bereits als Fünfzehnjähriger schipperte Keno Stocks auf einem Traditionssegelschiff in die Karibik, gemeinsam mit zwei Dutzend anderen Schülern. Oder er fuhr alleine mit dem Fahrrad nach Frankreich. „Zu Hause fällt mir die Decke auf den Kopf. Ich bin ein Mensch, der sich schnell langweilt und den immer wieder das Fernweh packt. Ich muss raus, ferne Länder bereisen, neue Menschen kennenlernen und Erfahrungen sammeln“, sagt der 20-Jährige zum IMPRESS YOURSELF-Magazin. Die eigene Komfortzone verlassen, sich Hals über Kopf ins Abenteuer zu stürzen – das alles ist ihm wichtig. Ende Februar fällt in Oberbayern der Startschuss für einen Trip, von dem er schon lange geträumt hatte. Eine mehr als 6000 Kilometer lange Reise auf dem Landweg nach China. Nur er allein. Wochenlang. Gemeinsam mit seinem 20 Jahre alten PEUGEOT 106, den er für einen Spottpreis auf Ebay ersteigerte. Eine Reise ohne Masterplan, dafür aber mit viel Lust auf das Unbekannte.

Viele Wege führen nach China

PEUGEOT stellt ihm 2000 Euro Budget zur Verfügung, falls sein Auto unterwegs in die Werkstatt muss. Den Rest des Trips will er selbst finanzieren. Um Übernachtungskosten zu sparen, hilft ihm im Vorfeld ein handwerklich begabter Kumpel: Beifahrersitz raus aus dem Auto, Bettgestell und Matratze rein. Fertig ist die No-Budget-Schlafstätte. Die Reiseroute führt ihn u.a. durch Kroatien, Albanien, Griechenland, die Türkei, Kasachstan und Kirgisistan. Anfangs nervt Keno fehlender Komfort: „In der ersten Woche habe ich immer wieder gedacht: Was zur Hölle machst du hier eigentlich? Wenn du jetzt umdrehst, dann kannst du schon bald wieder auf der heimischen Couch sitzen, dir eine leckere Pizza bestellen, TV schauen und nachts im eigenen gemütlichen Bett übernachten“, sagt er. Doch Keno hält durch, immer wieder angetrieben von der Lust am Abenteuer oder unvergesslichen Momenten in atemberaubender Natur – und schläft zu neunzig Prozent in seinem PEUGEOT und nur ganz selten in Hostels. Meist neben Trucks auf Autobahn-Raststätten oder auch mal versteckt am Straßenrand. „Das ist zwar nicht gerade superbequem und nachts auch mal verdammt kalt. Aber irgendwie geht‘s.“ Es ist eine Reise, die Keno mit einer bemerkenswert gelassenen Grundeinstellung erlebt und auf der er immer wieder skurril-beeindruckende Menschen kennenlernt. Wie zum Beispiel die Deutsche mit indonesischen Wurzeln, die in der DDR groß geworden ist, am Tag mindestens zwanzig filterlose Zigaretten raucht und jetzt in der georgischen Pampa lebt. Eine Frau, die schwarze Leggins mit knallbunten Röcken kombiniert, Touristen zu landschaftlich interessanten Hochebenen führt und dabei derbe sächselt. Ein Unikat!

Abenteuer, unvergesslichen Momenten und einige Skurrilitäten

Es ist aber auch eine Reise, in deren Verlauf Keno immer wieder Rückschläge verdauen und sein Improvisationstalent unter Beweis stellen muss: Sein Handy wird ihm gestohlen, in der Türkei verliert er seine EC-Karte und immer wieder steht er kurzzeitig ohne Geld da. Zum Beispiel als das Ticket für die Autofähre von Aserbaidschan nach Kasachstan viel mehr kostet, als er veranschlagt hat und der Geldautomat keinen Nachschub mehr ausspuckt, weil die nächste Kohle erst in vier Tagen auf dem Konto ist … Nur noch 63 Cent hat Keno in der Brieftasche. Immerhin genug, um sich einen Laib Brot und einen Kanister Trinkwasser zu kaufen. „Es ist erstaunlich, aber auch damit kommt man für ein paar Tage über die Runden, wenn es wirklich sein muss“, sagt Keno.

Leben am Limit

Obwohl er immer wieder an Straßenrändern im Auto übernachtet, erlebt der junge Mann wochenlang keine einzige brenzlige Situation. Nur in Kirgisistan geht ihm einmal „richtig die Pumpe“, als drei Einheimische ihn am Weiterfahren hindern wollen, die sich zuvor nah an der Stelle, wo er mit seinem Auto Rast macht, mit Wodka betrinken. Zum Glück beruhigen sich die Gemüter wieder und er kann unversehrt weiterfahren. Doch egal, ob nun Ärger an Ländergrenzen, nächtliches Bibbern oder suboptimale Verpflegung seine gute Laune zwischenzeitlich etwas drücken ¬– am Ende entschädigen ihn dafür immer wieder einzigartige Momente. Wenn er zum Beispiel mit faszinierenden Menschen ins Gespräch kommt oder atemberaubend schöne Natur genießen kann. Weit und breit niemand außer ihm. Er allein, eingehüllt in majestätische Stille. „Das sind Momente, in denen ich pure Glücksgefühle erlebe und zu mir sagen kann: Wow, ich lebe meinen Traum“, sagt Keno.

Die wohl beeindruckenste Reise des Lebens

Angst vor dem Ungewissen, die so eine Reise ohne Masterplan zwangsläufig mit sich bringt, kennt er nicht. Denn schon immer habe er Trips in diesem Stil bevorzugt. Einfach los und erst dann schauen, was passiert: „Denn am Ende komme ich irgendwie immer klar und es geht immer weiter. Irgendwie.“ Als Keno Stocks nach wochenlanger Reise endlich die chinesische Grenze erreicht, versucht er alles, um den geliebten Wagen ins Land zu bringen. Ohne Erfolg. Schweren Herzens muss er seinen PEUGEOT verkaufen. Das Auto, das ihn sicher und ohne einzige Panne hierher gebracht hat. „Ein furchtbarer Moment, in denen auch ein paar Tränen geflossen sind. Doch was sollte ich machen? Zurückfahren kam für mich nicht infrage, da ich noch einige Länder auf der Agenda habe.“ China, Nord-Indien, Pakistan und Indien will Keno, der im Oktober ein Mathematikstudium beginnt, in den kommenden Wochen auch noch bereisen. Mit welchen Fortbewegungsmitteln das sein wird? Das weiß er noch nicht. Doch eines steht bereits jetzt schon fest: Keno Stocks wird seinen Weg finden. Garantiert!

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